04.05.2021

Was mache ich hier eigentlich? Wozu das alles?

Irgendwann im Leben eines Kampfkünstlers, vor allem als fortgeschrittener Schüler, kommt man an einen Punkt, an dem man sich genau diese Fragen stellt. Das ist ein Punkt, an dem man praktisch alles in Frage stellt und manch einer beendet hier seine Kampfkunstlaufbahn.
Auch ich bin in eine solche „Krise“ gerutscht. Auch ich war faktisch schon weg. Dann habe ich angefangen, zu lesen. Also, gelesen habe ich eigentlich schon immer viel, aber ich habe mich in Bücher vertieft, die sich mit Erfahrungen und philosophischen Aspekten in der Kampfkunst beschäftigen. Auch in solchen Büchern schreiben die Autoren gelegentlich über diese Thema. So auch in Mark Salzman’s „Iron and Silk“ (Eisen und Seide).
Mark Salzman ist Amerikaner und hat in Yale Sinologie (Chinawissenschaften) studiert und hat im Rahmen dessen 2 Jahre in China verbracht. Dort lernte er u.a. den sehr berühmte chinesischen Wushulehrer und Schauspieler Pan Fucheng kennen und wurde von diesem trainiert. Während seines Taiji Trainings bei einem anderen Lehrer, Lehrer Hei, stellte er diesem auch die Frage nach dem Sinn des Ganzen. Aber, lest selbst:

An einem heiteren Tag zwischen den kalten Regenfällen des Winters und den dampfenden des Frühlings nahm Hei zwei Speere mit auf den Berg zu einer Lichtung bei einem Orangenhain. Wir waren nicht als einzige auf diese Idee gekommen; kurz nachdem wir die Lichtung erreicht hatten, fand sich eine Lehrerin für klassischen chinesischen Tanz mit fünf Schülerinnen dort ein. Zuerst verbargen die Mädchen, die alle etwa fünfzehn sein mochten, vor Verlegenheit ihre Gesichter in den Händen; da ich nur wenige Meter von ihnen entfernt stand, konnten sie sich zunächst nicht konzentrieren. Allmählich beruhigten sie sich jedoch und begannen mit ihrem Tanz. Die ältere Frau sang, während die Mädchen, zierlich und mondgesichtig, mit seidenen Taschentüchern in den Händen tanzten. Die Taschentücher schienen in der Luft zum Leben zu erwachen, schwebten und umkreisten die Mädchen wie Vögel.
“Erinnerst du dich, dass ich dir gesagt habe, die Hände sollen sich bewegen, als wären sie aus Seide?” fragte mich Hei.
“Ja.”
“Nun, genau das meine ich. Ist das nicht herrlich?”
Dies schien mir eine gute Gelegenheit, eine Frage loszuwerden, die mich seit einiger Zeit beschäftigte.
“Ich habe eine Frage, Lehrer Hei.”
“Ja?”
“Manchmal beunruhigt mich etwas: Ich begreife nicht, warum ich so viel Zeit darauf verwende, Wushu zu lernen. Ich bin kein Kämpfer - ich habe noch nie in meinem Leben einen Kampf erlebt. Wozu also tue ich das?”
Hei überlegte eine Weile, ohne die Augen von den Tänzerinnen zu wenden. Dann sagte er: “Man braucht kein Kämpfer zu sein, um Freude an Wushu zu haben. Wenn du wirklich für den Kampf trainieren würdest, würdest du nicht Wushu betreiben. Du würdest Soldat werden.” Er zeigte auf den Speer in meiner Hand. “Schau ihn dir an. Glaubst du wirklich, dass man in diesem Jahrhundert noch noch irgend eine praktische Verwendung für so einen Speer hat? Kannst du ihn für den Fall eines Angriffs bei dir tragen und dich trotzdem wie ein anständiger Mann fühlen? Inzwischen ist das ein Kulturgegenstand und keine Waffe mehr. Aber sollen wir deshalb den Speer wegwerfen und ebenso die Fähigkeiten, die wir im Umgang mit ihm erworben haben? Ich glaube, kaum. Mir käme das wie Verschwendung vor.”
“Ich glaube, ich verstehe, was du meinst. Aber trotzdem, wie kann ich vor mir selbst all diese Bemühungen rechtfertigen?”
Lehrer Hei zuckte die Achseln; dann sagte er: “Ich weiß es nicht. Warum tanzt man mit Taschentüchern?” (Mark Salzman, “Iron and Silk” 1986)

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路萨沙 - Bodhisattva on a sandy road

Sascha - 09:40:57 @ Allgemein, Philosophie, Training | Kommentar hinzufügen

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